ENERGIEEFFIZIENZ CONTRACTING IST NICHT ALLES September 2011 Dr. Reinhard Klopfleisch
„Der Energielotse ist ein Beratungsprofi. Er hat den Durchblick im Förderdschungel und verfügt über fundierte Sachkenntnisse im Bauablauf.“ Der Flyer, den die Haushalte des Großraums Hannovers in ihren Briefkästen vorfinden, verspricht viel. Nur ein neuer Trick findiger „Berater“, um Geld zu verdienen? Nicht doch. Tätig werden die freiberuflichen Architekten und Baufachleute mit finanzieller Unterstützung des Fonds „proKlima“, den die Stadtwerke Hannover und größere Kommunen im Einzugsgebiet der Landeshauptstadt gemeinsam bestücken. Energielotsen, versehen mit dem Qualitätstestat von proKlima, sollen den Hausbesitzern der Leine-Metropole den kostengünstigsten und optimalen Weg zum Passivhaus ebnen – um damit langfristig Geld zu sparen und die Umwelt zu entlasten. Sie entwickeln ein individuelles Gesamtkonzept zur Gebäudesanierung, das die Maßnahmen sinnvoll aufeinander abstimmt und alle sich bietenden Fördermöglichkeiten kombiniert.
Das Angebot der Hannoveraner Stadtwerke steht für eine neue Art von Energiedienstleistung kommunaler Unternehmen. Energieberatung nicht von der Stange, als Initialberatung, wie sie viele Stadtwerke mittlerweile in ihren Kundencentern unentgeldlich oder gegen einen geringen Obolus anbieten, sondern umfassende, individuelle Begleitung des Hausbesitzers oder Bauherrn von der Planung über die Auswahl der Bau- und Handwerksunternehmen bis zur Qualitätskontrolle, die gemeinsam mit Qualitätssicherungsbüros durchgeführt wird.
Übereinkommen im Rahmen einer Klimaschutzinitiative
Geld verdienen die Stadtwerke damit allerdings nicht - es ist im Gegenteil ein Zuschussgeschäft, das möglich wird nur durch das Übereinkommen mit dem Anteilseigner. Die Stadt Hannover verzichtet auf Gewinnausschüttung, und sie und die umliegenden Gemeinden geben ihrerseits noch einen Betrag hinzu. Das Übereinkommen ist Teil einer gemeinsamen kommunalen Klimaschutzinitiative. Um die Initiative gänzlich vom Verdacht zu befreien, doch nur ein geschicktes Marketinginstrument für den Vertrieb zu sein, ist der Fonds proKlima eigenständig organisiert.
Mehr als 200 Baubegleitungen haben die zertifizierten Fachleute für energiesparendes Bauen im letzten Jahr durchgeführt, gefördert aus dem Fonds mit Zuschüssen zwischen 500 und 2500 Euro. Bedingung für den Höchstbetrag: Nach der Modernisierung muss der Energiebedarf des Gebäudes das aktuell gültige Neubau-Niveau gemäß Energieeinsparverordnung (EnEV) um mindestens 50 Prozent unterschreiten. Insgesamt fließen in den proKlima-Fonds jährlich fünf Millionen Euro, davon vier Millionen von den Stadtwerken. Er unterstützt schwerpunktmäßig die Heizenergie-Einsparung in Alt- und Neubauten, den Bau von Passivhäusern, das Errichten von Solarwärmeanlagen und den Ausbau der Kraft-Wärme-Kopplung in den Kooperations-Gemeinden. proKlima fördert unter anderem den Aufbau der größten Nullemissionssiedlung mit 300 Einzelhäusern im Stadtteil Wettbergen. Insgesamt werden im proKlima-Fördergebiet bereits zwölf Prozent der Neubauten im Passivhaus-Standard errichtet, bundesweit liegt der Wert bei nur einem Prozent.
Das Beispiel Hannover zeigt: Stadtwerke sind ideal geeignet, Energieeffizienz bei ihren Kunden voran zu bringen. Mit ihrer flächendeckenden Beratung könnten sie die ehrgeizigen Klimaschutzziele der Europäischen Union und der Bundesregierung wesentlich unterstützen. So will die Bundesregierung laut Energiekonzept 2010 die Steigerungsrate der Energieeffzienz in Deutschland von 1,5 auf 2,1 Prozent jährlich erhöhen, und die Europäische Union hat vorgegeben, bis 2020 rund 20 Prozent der Primärenergie von 2008 einsparen zu wollen. Weil nach den Daten der EU mit den bisherigen freiwilligen Maßnahmen indessen dieses Ziel um rund die Hälfte verfehlt werden wird, hat Energiekommissar Günter Oettinger derzeit einen Richtlinienentwurf vorgelegt, der ab 2014 verpflichtende Maßnahmen in Aussicht stellt. Dann würden Initiativen wie proKlima in Hannover, die bisher auf freiwilligen Verpflichtungen von Stadtwerken und Stadt beruhen, verpflichtend für alle Energieversorger. In mehreren europäischen Nachbarstaaten, so Großbritannien, Italien und Dänemark, existieren bereits Programme, die Energieversorgern verbindlich vorschreiben, ihren Kunden Anreize zum Energiesparen zu geben.
Inwieweit tragen Stadtwerke flächendeckend in Deutschland bereits heute dazu bei, „als lokale Akteure mit speziellen Programmen und Maßnahmen“ die Minderungspotenziale zur Erreichung der Klimaschutzziele der Nationalen Klimaschutzinitiative zu erreichen? Und kann man das wirtschaftlich gestalten? Diesen Fragen sind das Saarbrücker IZES, das Bremer Energie Institut und das Wuppertal Institut im Auftrag des Bundesumweltministeriums in einer aktuellen Studie vom Februar 2011 nachgegangen. Das ernüchternde Ergebnis: Das leitende Motiv der Energieversorger in liberalisierten Energiemärkten bei Energiesparberatung und –angeboten ist derzeit „in fast allen am Markt angebotenen Programmen die hiermit zu bewirkende Absatzförderung und –stabilisierung. Aber offenbar ist diese Motivation nicht hinreichend, um hierüber die auf der Verbraucherebene bestehenden Energiesparpotenziale in relevantem Maße zu heben.“ Vorherrschend bieten die Stadtwerke renditeorientierte neue Dienstleistungen wie Anlagen- oder Wärme-Contracting an. Die damit verbundenen Einspareffekte, die sich im Wesentlichen durch Anlagenmodernisierung und Brennstoffswitch gleichsam nebenbei ergeben, seien aber nicht genug. Damit, so die Analyse der Forschungsinstitute, „werden sich jedenfalls auf großer Breite keine bedeutenden Effizienzimpulse ergeben.“
Wer in Punkto Energieeffizienz voran kommen will, so die Energiewissenschaftler, müsse vielmehr politisch „eine Finanzierungsbasis für die als besonders sinnvoll erachteten non-Profit-Angebote organisieren.“ Denn prinzipiell seien Stadtwerke schon die richtigen Akteure. So machten „vereinzelt im Markt anzutreffende ambitionierte Ansätze deutlich, dass die Stadtwerke bzw. die von ihnen gegründeten Klimaschutzfonds oder –agenturen aufgrund ihrer Kundennähe besonders geeignet sind, eine wichtige Rolle bei der Realisierung der Energie-und Klimaschutzziele der Bundesregierung zu übernehmen.“ Stadtwerke könnten sich –nach Beispiel Hannover- „besonders als Organisatoren von örtlichen Netzwerken aus der Handwerkerschaft, Planern und sonstigen Akteuren, welche die Energieeffizienzaktivitäten vor Ort beeinflussen können, hervortun.“ Doch dafür, so die Institute, gebe es bislang keine ausreichende bundeseinheitliche Finanzierungsbasis. Bislang ist die Finanzierung derartiger Projekte wie proKlima allein vom Willen der kommunalen Eigner abhängig. Bundeseinheitliche Finanzierung aus Mitteln des Bundes fehle. Dabei schätzen die Autoren, dass für einen bundeseinheitlichen Klimafonds rund eine Milliarde Euro jährlich ausreichen würde, „wenn alle Energieunternehmen (Lieferanten oder Verteilnetzbetreiber) in Deutschland derartige Programme umsetzten.“
STANDARDISIERTE PROGRAMME / VKU-STUDIE
Im Einzelnen schlagen IZES, Bremer Energieinstitut und Wuppertal-Institut folgende standardisierte Programme vor, die durch Stadtwerke flächendeckend und klimaschutzwirksam umgesetzt werden könnten:
- Initial- und Förderberatung sowie Umsetzungsberatung für Gebäudeeffizienz in Haushalten;
- Initial- und Förderberatung und Förderung zum Thema Optimierung der Heizung bei Haushalten und im Kleingewerbe (Hydraulischer Abgleich und Heizungs- und Zirkulationspumpen);
- Förderberatung und Förderung Ersatz der elektrischen Widerstandsheizung und der elektrischen Warmwasserbereitung für Haushalte und im Kleingewerbe;
- Förderberatung und Förderung für effiziente Beleuchtungssysteme in Räumen (für Kleingewerbe und Industrie);
- Initial- und Förderberatung sowie Förderung für kleine KWK-Anlagen bis 50 kWel in Gebäuden und gewerblichen Betrieben;
- Förderung effizienter Haushaltsgeräte (Kühl- und Gefriergeräte, Wärmepumpen- und Gas-Trockner).
Warten auf den Fördertopf aus Berlin? Dazu ist der Verband kommunaler Unternehmen zu ungeduldig. Er hat – unter dem Titel Stadtwerke der Zukunft III - eine Studie erarbeitet, in der die „Perspektiven im Geschäftsfeld Energiedienstleistungen“ für Stadtwerke vorgezeichnet werden, jenseits des aktuell verbreiteten Anlagen- und Wärmeliefer-Contracting. Die Suche lohnt: Wo gibt es im Bereich Energiedienstleistungen für Energieeffizienz schon lukrative Einzelmärkte, die gleichzeitig wesentlich zum Klimaschutz beizutragen? Und wo wird dies in Zukunft zusätzlich der Fall sein. Diese Dienstleistungen sollten und könnten die Energieversorger dann selbst bundesweit vermarkten, ohne auf staatliche Zuschüsse angewiesen zu sein. Denn: „Der Markt für Energiedienstleistungen (EDL) ist ein Wachstumsmarkt.“
Die Mitgliedsunternehmen des VkU sehen das ähnlich. Entsprechend plant eine große Mehrheit der Unternehmen den systematischen Ausbau ihrer EDL-Aktivitäten. Mehr als 90 Prozent der Stadtwerke wollen das EDL-Produktportfolio erweitern oder räumlich expandieren, ergab eine Umfrage bei den Mitgliedsunternehmen. „Dabei sind sich die Stadtwerke darüber einig, dass ein kundenorientiertes EDL-Angebot einen zentralen Erfolgsfaktor im Wettbewerb mit Energiekonzernen und Discountern darstellt.“
Um bestimmen zu können, welche neuen Energieeffizienz-Dienstleistungen denn in Zukunft lukrativ gestaltet werden können, wählt die VkU-Studie einen breiten energiewirtschaftlichen Ansatz. Sie untersucht drei wahrscheinliche Zukunftsszenarien des Energiemarktes und bestimmt dann die „robusten“ Megatrends und daraus diejenigen Energiedienstleistungen, die Stadtwerke vermutlich ohne betriebswirtschaftliche Einbußen in möglichst vielen dieser Szenarien betreiben können. Klar ist: Am besten rechnen sich selbst heute noch unwirtschaftliche Energieeffizienz-Dienstleistungen im Szenario „Klimaschutzexperten profitieren vom Marktwachstum“, in dem strenge politische Umwelt-Regulierung für die Energiemärkte vorgegeben wird. In einem derartigen Szenario ist staatliche Förderung für Energieeffizienz-Dienstleistungen wahrscheinlich – verbunden mit verbindlichen Verpflichtungen. Aber, so die Ergebnisse der Studie, auch in den Szenarien „Lokale Netzwerke in politisch getriebener Marktentwicklung“ und „Groß-Stadtwerke im preis-getriebenen Marktboom“, die keinerlei finanzielle Unterstützung der öffentlichen Hand für Effizienz-Dienstleistungen vorsehen, werden eine Reihe von neuen klimaschutzrelevanten Dienstleistungen die betriebliche Wirtschaftlichkeitsschwelle überschreiten. Der Grund: Steigende Roh- und Brennstoffpreise verteuern die Energieproduktion, entsprechend lohnender wird die Einsparung.
"Robuste" Dienstleistungen
Individuelles Energie-Audit mit einem Energie-Check, BHKW-, Druckluft- und Beleuchtungs-Contracting für Industrie- und Gewerbekunden und detaillierte Energieeffizienzberatung und „Wärme-Contracting in Verbindung mit erneuerbaren Energien und Klimatisierung“ – das sind die „robusten“ klimarelevanten Energiedienstleistungen, die die VkU-Studie auf der Basis der Szenarien ihren Mitgliedsunternehmen empfiehlt flächendeckend auszubauen – die Liste der Themen ähnelt deutlich der Wunschliste der drei Forschungsinstitute. Detaillierte Praxisanleitungen runden das VkU-Infopaket ab. Danach können sich die Stadtwerke gleichsam in einem Baukastensystem ihr eigenes Produktportfolio zusammenstellen.
Sollten Stadtwerke die gesamte mögliche Produktpalette abdecken? Das verneint Michael Wübbels, stellvertetender Hauptgeschäftsführer des VkU und Koordinator der Studie, ganz eindeutig. Er empfiehlt vielmehr die Konzentration auf wenige ausgewählte Angebote. Diese gilt es professionell zu entwickeln. Um in einer Gemeinde ein flächendeckendes Angebot aller notwendigen und sinnvollen Energiedienstleistungen hinzubekommen, müsse dann mit anderen spezialisierten Unternehmen kooperiert werden.
Vorbild sind nicht zuletzt die Stadtwerke der 50 000 Einwohner-Stadt Emden in Ostfriesland. „Watt bi uns“ heißt das ausgetüftelte Stromangebot, das die Stadtwerke ihren Kunden in einem Einjahresvertrag anbieten. Darin sind drei zentrale Elemente für eine nachhaltige, klimaverträgliche Energiezukunft in einem Paket verschnürt: Der Strom kommt zu 100 Prozent aus hausgemachtem Windstrom, es gibt zwei Tarifzeiten und es wird ein elektronischer Zähler eingebaut, der jederzeit den verbrauchten Strom anzeigt, um die Kunden zur Verbrauchsminderung anzuregen. Zudem wird energiesparendes Verhalten der Stadtwerke-Kunden mit Prämien belohnt: Wer eine große Energieberatung oder den hydraulischen Abgleich der Heizung durchführen lässt, bekommt von den Stadtwerken ebenso eine Zuschuss wie derjenige, der auf energiesparende Haushaltsgeräte umstellt. Hierfür stellt die Stadt Emden den Stadtwerken allerdings die Fördersumme von 200 000 Euro jährlich zur Verfügung.
Stimmt das Angebot, funktioniert auch die Kundenbindung. Die Dienstleistungen in Emden kommen an. Dafür sorgt nicht zuletzt Remmer Edzards, der dynamische Stadtwerkechef. Er konnte im Juli 2011 Petra Zöller aus dem Stadtteil Barenburg als 2000ste Kundin bei „Watt bi uns“ begrüßen – mit einem Blumenstrauß und einem Gutschein für eine kostenlose Aufstiegsfahrt in der Gondel der E-126 im Larrelter Polder, der leistungsstärksten Windkraftanlage der Welt.
SCHLÜSSELFAKTOREN
Die drei Schlüsselfaktoren zum betriebswirtschaftlichen Erfolg bei Effizienzdienstleistungen laut VkU:
- Ein werthaltiges Produktportfolio umfasst wenige Energiedienstleistungen, aber mit klarer Fokussierung, und fußt auf standardisierten Prozessabläufen („Die Kräfte bündeln“, keine „Exoten-Produkte“).
- Professionelle personelle Ressourcen auf Führungskräfte- und Mitarbeiterebene sind zwingende Voraussetzung für den Markterfolg mit Energiedienstleistungen.
- Erfolgreiche Anbieter von Energiedienstleistungen verfügen über leistungsfähige Netzwerkstrukturen in Verbindung mit professionellem Partnermanagement (horizontale Kooperationen).
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